Francesca · Kurzgeschichten

Ausbruch

Noch eine Minute länger hier drin und sie würde jemanden abknallen müssen.

Schon jetzt ertrug Frankie alles nur mit in die Oberschenkel gekrallten Fingern und der Melodie im Ohr, die ihr David heute Morgen vorgesummt hatte. Sie war froh gewesen, dass er sie nicht richtig gesungen hatte, denn waren wir mal ehrlich, das wollte sich wirklich keiner antun. Das Summen hatte sich allerdings schön angehört, sanft und fröhlich, wie der erste warme Wind im Sommer.

Es half jedoch nicht, um die monotone und leicht heisere Stimme des Ingenieurs zu übertönen, er klang wie Kratzen auf einer Schiefertafel oder eine Mücke, die einfach nicht wegfliegen wollte. Die Genauigkeit, mit der er über die Helihover sprach, erzeugte bei allen im Raum Migräne und zum tausendsten Mal verfluchte Frankie in Gedanken die Regierung für ihre Paranoia, aus der heraus sie alle Bürger zwang, regelmäßig an „Sicherheitsveranstaltungen“ wie dieser teilzunehmen.

Natürlich, es gab weniger Unfälle, aber wahrscheinlich nur, weil sich niemand nach den stundenlangen Abenden traute, auch nur ansatzweise zu schnell zu fahren bzw. zu fliegen. Dies alles hier war für Frankie der direkte Weg in die Hölle, der Albtraum, den sie nicht abschütteln konnte. Sie benutzte die gottverdammten Dinger ja nichtmal und selbst wenn das von ihrer Mom den Geist aufgeben sollte, würde sie nie im Leben Hand an die äußerst komplizierte Elektronik legen. Das war doch absurd.

Sie blickte aus dem Fenster und betrachtete die Wolken. In den Geschichten von früher hieß es, dass sie ganz unterschiedliche Formen hätten und man mit ein bisschen Fantasie sogar Gesichter darin würde erkennen können. Doch für Frankie sahen sie alle gleich aus, weiße Watteballen, die lautlos und ohne Hektik davontrieben. Sie hätte alles gegeben, um jetzt dort draußen zu sein, überall, nur nicht in dem grässlichen Bunker, den die Regierung hatte errichten lassen.

„Bevor Sie den Deckel des Propellers 3 öffnen, beachten Sie, dass der Ansaugdruck hoch ist und auch bei einem Motorausfall bestehen bleibt. Greifen Sie deswegen nie hinein, solange noch irgendeiner der Motoren läuft, das ist das Allerwichtigste. Danach…“

Das war’s. Mit einem lauten Quietschen erhob sich Frankie von ihrem Stuhl, alle Augen drehten sich zu ihr um, doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Ohne ein Wort rannte sie zur Tür, hörte nur das ärgerliche Piepsen der Schleuse, die ihr mitteilte, dass ihre Sitzung noch nicht zu Ende sei und sie auf ihren Platz zurückkehren solle. Verfluchte Technik, sie ließ einen niemals gehen.

Ihre Schritte waren gleichmäßig und ruhig, ihr Kopf leicht. Sie leistete ihren Beitrag zur Gesellschaft, das tat sie jeden Tag. Ansonsten würde sie nicht mehr der Sklave dieser neuen Welt sein, die ihr vorgaukelte, „alles nur zu ihrem Besten zu tun“. Nein, es ging wie immer nur um Kontrolle und um Macht, das hatte die Menschheit nie verlernt. Sich größer und bedeutender zu machen als man war, das war schon immer ihre Königsdisziplin gewesen.

Frankie warf ihre Tasche in den alten Mercedes, Baujahr 2030, schon fast antik, aber er lief noch wie damals. Wenn man ihn pflegte und wusste, worauf man achten musste, war es das verlässlichste Fahrzeug, das man sich vorstellen konnte. Der Motor erwachte schnurrend zum Leben, laute Musik dröhnte aus den Lautsprechern, sie öffnete das Verdeck und stieg ein. Frankie löste den Gummi, mit dem sie ihre wilde, schwarze Lockenpracht gezähmt hatte, und drückte das Gaspedal durch, sofort schoss sie auf die immer schlechter werdende Straße. Um Gegenverkehr musste sie sich nicht kümmern, die Menschheit hatte dem Boden schon lange Adieu gesagt, sie als Einzige hing an den echten, benzinbetriebenen Autos.

Der Wind peitschte ihr Haar nach hinten, ihre Hände wurden kalt, doch ihre Gedanken waren glasklar. So musste es sein, lächelte sie vor sich hin. So musste das Leben wirklich sein. Und sie würde es sich von niemanden nehmen lassen. Niemals.

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