Katherine · Kurzgeschichten

Wie Feuer und Eis

Es war so ein unglaublich heißer Sommer. Jedes Stückchen Stoff, das ich am Körper trug, klebte an mir fest und brachte mich fast um.

Am liebsten wäre ich in die Festung gerannt und hätte mich umgezogen, in ein luftiges Unterkleid geschlüpft vielleicht, aber ein Blick von Mutter genügte und ich blieb, wo ich war. Der dünne Fächer aus Seide brachte nur bedingt Erfrischung und der Sonnenhut drückte meine Locken platt. Es war eine aussichtslose Situation.

Der Empfang von hohen Gästen war für unsere Familie sehr wichtig: Wir waren in der Adels-„Nahrungskette“ ganz unten und mussten immer den schönen Schein waren, damit wir nicht ins Bürgertum abfielen. Eine schlimmere Schande gab es nicht, es wäre unser Aus, wir würden vor dem Nichts stehen. Und so war es heute ein Herzog, den wir bewirtschaften mussten, während er auf der Durchreise zum König war. Vater hatte geschimpft wie ein Rohrspatz, aber am Ende mussten wir alle lächeln und es über uns ergehen lassen.

„Vergiss nicht“, flüsterte mir meine Mutter zu, „er hat eine Tochter in deinem Alter. Benimm dich in Gottes Namen einmal wie eine Baronesse und nicht wie ein Straßenkind, ja? Sie soll sehr viel wert auf Sitten und Anstand legen“ Das verbesserte meine Laune nicht gerade. Es bedeutete, dass ich einen weiteren, ewig scheinenden Nachmittag wie eine Prinzessin gehen, stehen und essen musste und dabei stets hübsch und anmutig auszusehen hatte. Alles Dinge, die nicht wirklich meine Stärken waren.

Als der Herzog mit seinem ganzen Gefolge kam, straffte ich die Schultern und drückte den Rücken durch, während ich gleichzeitig versuchte, mich möglichst wenig zu bewegen. Es war mir nicht gestattet, mit unserem Ehrengast zu sprechen, also beobachtete ich nur, wie er meinem Vater die Hand schüttelte, ihm für das Nachtlager und alles andere dankte, um schließlich meiner Mutter die Hand zu küssen. Sie knickste, errötete auf Kommando und schlug die Augen nieder. Das ganze Zeremoniell gab mir Zeit, mir meine Zimmergenossin genauer anzusehen, die trotz der Hitze schön wie eine Rose war. Alles an ihr war zart: ihre Bäckchen, ihr langes blondes Haar, ihr Hände, selbst ihr Lächeln. Als sich unsere Blicke trafen, wusste ich sofort, dass wir keine Freundinnen werden würden; die Art und Weise, wie sie mich musterte, verriet, dass ich wohl so erschöpft aussah wie ich mich fühlte.

Vor dem Essen stahl ich mich wie immer in die Küche, um ein wenig zu helfen und Marta, die Köchin, zu besuchen; die Frau, die mich besser verstand als irgendjemand sonst. Wir wuschen und schnitten das Gemüse zusammen, dann wischte ich den Boden, während sie die Suppe zubereitete. Heute war Martas Gesichtsausdruck sogar noch bekümmerter als sonst wenn ich etwas angestellt hatte, ihre buschigen schwarzen Augenbrauen zuckten die ganze Zeit hin und her, als könnten sie nicht still sitzen.

„Diese Isabella soll ein echtes Püppchen sein, richtig verwöhnt. Am liebsten würde ich ihr zu viel Pfeffer ins Essen tun, damit sie sich vor allen blamiert, aber am Ende wird es doch nur wieder auf dich zurückfallen, querida. Mach das Beste daraus, hm? Es sind ja nur drei Tage“ Die hatte gut reden, sie musste ja auch nicht Alleinunterhalterin für eine Prinzessin spielen. Tatsächlich war Isabella sehr leicht zu beschäftigen: Sie redete am liebsten über sich selbst und über ihre glorreiche Zukunft an der Seite eines reichen Ehemannes. „Hast du schon gehört, dass der König immer noch eine Braut sucht? Der mächtigste Mann des Landes und findet keine Frau, das muss man sich mal vorstellen! Na ja, wenn er mich in ein paar Wochen kennen lernen wird, dann wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben, als sich in mich zu verlieben. Königin, das ist mein Schicksal“ Dabei drehte sie sich elegant im Kreis und strich durch ihr seidiges Haar. Ich hatte diesen Klatsch wirklich schon gehört, was ein Wunder war, denn seit der Übernahme durch die Engländer hatten wir unseren neuen Herrscher noch nicht einmal alle zu Gesicht bekommen, geschweige denn, Neuigkeiten aus dem Schloss mitbekommen. Von Jemand regiert zu werden, dessen Antlitz man nicht mal kennt, war am Anfang eine seltsame Sache, doch wir hatten uns daran gewöhnt.

Die meisten Bewohner glaubten sowieso, dass sich die englische Herrschaft nicht lang würde halten können, und dann alles wieder beim Alten sein würde. Das bezweifelte ich allerdings, denn sie hatten zu stark gekämpft, um all das wieder aufzugeben. Und bei allem, was ich gehört hatte, konnte ich es ihnen nicht verdenken: Wenn man aus einem Land kam, in dem es fast nur regnete, wer würde da nicht die ewige Sonne genießen? Isabella sah mich auffordernd an, anscheinend sollte ich sie in ihrer Meinung bekräftigen. Ich nickte ohne jeden Enthusiasmus, denn wenn der König sich seine Königin so genau auswählte, musste sie doch etwas Besonderes sein, oder? Jedenfalls nicht eine, die schon verliebt war, bevor sie den Mann überhaupt gesehen hatte.

In dieser Nacht schlief ich schlecht; nicht nur, dass sich Isabella ständig von einer Seite auf die andere wältzte, ich träumte auch von mächtigen, alten Männern, die alle bei meinen Eltern um meine Hand anhielten, während ich im Hintergrund bei jedem Kandidaten tausend Tode starb. Im Grunde zeigte es mir nur eins: Isabella würde mit ihrem Geplappere meinen Eltern nur wieder zeigen, dass ich längst schon heiratsfähig war und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mich nicht mehr würde wehren können. Vielleicht würde ich die Suppe des Prinzesschens doch noch versalzen.

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