Kurzgeschichten · Miranda

Nothing’s like it seems to be

Was soll das denn jetzt?, dachte ich leicht genervt und sah mich um. Wohin ich auch schaute, von überall her blickten mich stumme Gesichter an, anklagend, fast strafend. Sie standen im Kreis um mich, etwa 1 m entfernt. Doch sie waren körperlos, nur stumme Fratzen, von denen keine auch nur ein einziges Mal zu blinzeln schien. Okay, Miranda, setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest, das kann nur ein Traum sein. So etwas Bescheuertes erlebt niemand wirklich. Nicht mal du.

Durch diese Erkenntnis bestärkt und ermutigt blickte ich genauer in die Gesichter, von denen ich keins kannte. Doch da, eins „trat“ aus der Menge heraus, es war der seltsame Typ vom letzten Mal. Wie dort lächelte er nicht, sondern sagte mit seiner klaren Stimme mit dem leichten Akzent: „Miranda, das Leben geht immer weiter. Aber nicht so wie bisher. Folge deinem Herzen und nimm die Veränderung an. Hör auf deine Gefühle!“

Ich wollte ihm noch hinterher rufen, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er da sprach, als er schon wegtrat und sich der ganze Raum aufzulösen begann. Schreiend fuhr ich aus dem Bett hoch und spürte das Entsetzen mir die Luft abschnüren. Ich griff mir an die Kehle, holte verzweifelt Atem, ich hustete und warf einen Blick auf meinen Wecker. Schon 5 Uhr morgens. Mit meinem Herzschlag wurde auch mein Gemütszustand langsam ruhiger, ganz gemächlich rollte ich mich aus dem Bett und stapfte fast blind ins Bad. Der Spiegel zeigte mir ein furchtbares Bild, der Traum hatte mich mehr mitgenommen als ich dachte. Dabei war ich es doch gewohnt! Seit 4 Jahren hatte ich schon diese Schlafprobleme, zuerst schlief ich nie ein und wenn ich dann mal ins Land der Träume versank, bekam ich die schlimmsten Albträume. Posttraumatische Panikstörung, sagte meine Arzt damals, ich nannte es lieber: Schock.

Aber so furchtbar wie heute war es selten gewesen, meistens sah ich wenigstens Tiere oder Wesen, die ich nicht kannte, aber es war der Mann gewesen! Jemand aus meiner realen Welt! Das konnte nichts Gutes bedeuten. War es… eine Zukunftsvision? Jedenfalls wusste ich noch seine Worte und es bei denen lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Mein Herz… Das war doch schon längst verloren! Weg, entschwunden, gegangen, mit allem, was ich liebte. Und es machte mir ja auch nichts mehr aus. Ein Leben ohne Gefühle hatte auch seine guten Seiten, keine Angst, keine Trauer mehr… Es tat gut, wenn man wusste, dass einen das Herz nicht irgendwo dazwischenfunken würde, wenn man etwas plante. Machte das Leben… möglich zu strukturieren. Es half mir, nicht nachzudenken, nicht die Gedanken an damals zu richten, damit ich nicht wieder in diesen Strudel stürzte.

Ich ging in die Küche und trank meine erste Tasse Kaffee für heute. Ob 2 Stunden hin oder her, was spielte das schon für eine Rolle? Keine, weil an irgendeinem Tag alles egal ist, wenn wir alle gehen müssen, für immer… Warum sollte ich mir Gedanken machen über Armut, wenn ich sie eh nicht lösen konnte? Oder Hunger? Oder einfach nur Elend?

Die Sonne warf einen einzigen, roten Strahl durchs Fenster, der genau dorthin schien, wo mein Herz sein sollte. Es kribbelte etwas, nur ganz leicht. Aber spürbar. Seltsam, um diese Uhrzeit? Waren das alles Nachwirkungen der Nacht? Drehte ich nun vollkommen durch, so wie meine Familie es damals schon befürchtet hatte? Unsinn, warum denn ausgerechnet jetzt. Das ergab doch gar keinen Sinn. Nein, ich gab mich nicht auf, gab mich keiner Leidenschaft mehr hin, diese Zeiten waren vorbei. Sie taten mir nicht gut. Alles, nur das nicht. Nicht wieder grübeln. Das brachte mich nicht weiter, noch nie.

Ich nahm mir die Schlüssel und verließ die düstere und einsame Wohnung; der Tag war noch gar nicht ganz angebrochen, hatte sich im Kampf mit der Nacht noch nicht durchgesetzt, kalte Nebelschwaden hingen noch in der Luft und nahmen mir die Sicht. Gut, dann ging ich eben zu Fuß, bitteschön! Ich hatte eigentlich keine schlechte Laune, es war mehr eine innere Verzweiflung, ein nagender Zweifel, den ich nur zu gut kannte, aber ihn nie loswurde. Manche meinten, es wäre ein Wunder, dass ich das alles überhaupt schaffte, den ganz normalen Alltag, den Job. Aber genau das war es ja was mich am Leben hielt, ihm einen Sinn gab, mich unermüdlich ackern ließ, wofür war vollkommen egal. Dass ich dabei Menschen half, war eher ein Zufall, war nicht beabsichtigt. Oder? Hatte ich überhaupt noch etwas Gutes in mir? Oder etwas Schlechtes? War nicht alles gegangen, damals? Ich wusste es nicht, wahrscheinlich würde ich es nie wissen.

 

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