Francesca · Kurzgeschichten

Mich hintergeht niemand

Das Auto, das der Kunde bestellt hatte, war ein ganz besonderes: Heutzutage einen Ford Mustang zu finden grenzte an ein Ding der Unmöglichkeit; einen funktionstüchtigen gab es nicht mehr, das hatte man ihr am Anfang zumindest weiß machen wollen. Aber wenn Frankie eins konnte, dann war es standhaft und unnachgiebig sein, was letztendlich zum Ziel geführt hatte.

Das wunderschöne „Baby“ jetzt hier in ihrer Werkstatt stehen zu haben war wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, er war eine Augenweide, prachtvoller als alles, woran sie bisher gearbeitet hatte. Es hatte sie einiges an Mühe gekostet, viele Roststellen hatten den Unterbodenschutz fast herausbrechen lassen, eine Achse war gebrochen, im Motor fehlten fast alle Schläuche. Doch mit ihren Connections und ein paar nicht ganz legalen Besuchen auf der Müllkippe hatte sie alles Nötige zusammengesucht, nächtelang geschraubt, gebohrt, geschweißt und gereinigt. Frankie war unfassbar stolz auf sich.

Dass der Kunde sich verspätete war kein Wunder: Die meisten Menschen scheuten sich davor, den Zorn des Gesetzes auf sich zu ziehen, indem sie veraltete, angeblich gefährliche Technologie benutzten, und so trafen sie sich nachts, im Schutze der bald einsetzenden Dunkelheit. Frankie störte sich nicht daran, sie genoss die letzten Augenblicke mit dem Mustang, fuhr sanft über den rot-schwarzen Lack und bewunderte die windschnittige Form. Die Menschen vor 300 Jahren hatten schon so viel von Perfektion verstanden.

Als leise Schritte im Garten zu hören waren, steckte Frankie zur Sicherheit ein Messer in ihren Stiefel und öffnete das Garagentor einen Spaltbreit, das helle Licht ihrer Taschenlampe blendete den jungen Mann, der in angemessenem Abstand geduldig wartete. Seine Hände schossen zu seinen Augen, doch Frankie schaltete den Lichtstrahl schnell wieder aus, sie hatte ihn schon längst an seiner Angeberpose erkannt. Bei seinem ersten Besuch hatte sie sein Alter auf circa 30 geschätzt, aber im spärlichen Licht wirkte er viel älter und gefährlicher.

„Komm rein“, flüsterte sie und ließ das Tor offen, ihr Kunde ließ sich nicht lange bitten und trat ein, bei dem Anblick des Autos wurden seine Augen groß wie Suppenteller. „Oh mein Gott“, flüsterte er ergeben, seine Finger zuckten wie nach einem Stromstoß. „Darf ich ihn mir ansehen?“ All die Süffisanz war verschwunden, geblieben war nur das Staunen des kleinen Jungens, der seinen Lebenstraum vor sich stehen sah. „Klar“, Frankie zuckte mit den Schultern, in ein paar Minuten würde er sowieso ihm gehören.

Während ihr Käufer die Linien des Autos mit den Händen untersuchte, legte Frankie alles Wichtige in eine Schachtel, Schlüssel, Papiere, Pflegehinweise. Es tat ihr körperlich weh, das Schmuckstück wegzugeben, aber allein das Benzin, das der Mann für ihn brauchte, würde sie in den Ruin treiben. Nein, es gab Träume, die sollten nicht in Erfüllung gehen, die mussten Träume bleiben, denn die Realität war oft so erschreckend bösartig. Sie würde das Gefährt schon bald verfluchen.

Der junge Mann nickte ihr zu, als sie ihm alles erklärte, was er zu beachten hatte, wenn er den Mustang des Öfteren fahren sollte; ansonsten rührte er sich nicht. „Wie sieht es mit meiner Bezahlung aus?“, fragte Frankie nun, sie mochte es nicht, wenn man sie warten ließ. Doch das Lächeln, das plötzlich die Lippen des Mannes zierten, war so kalt, dass die Temperatur im Raum gefühlt um 5° fiel; Frankies Herz schlug schneller. „Weißt du, ich finde, du musst endlich lernen, dass man in unsrer Welt niemandem trauen darf. Du warst von Anfang an zu arglos, das hast du jetzt davon.“

Er war langsam näher gekommen und hatte dabei etwas aus seinem Gürtel gezogen: Frankie erkannte die Pistole erst, als sie seinen schlechten Geruch in der Nase hatte. „Öffne das Tor ganz und dir wird nichts passieren.“ Wahrscheinlich dachte er, dass er ihr damit noch einen Gefallen tat; dass sie dankbar sein würde, dass er sie am Leben gelassen hatte. Aber da hatte er sich mit der Falschen angelegt.

Frankie hatte schon in der Schule, die sie nie beendet hatte, gelernt, dass schwach zu sein keine Charaktereigenschaft, sondern ein Zustand war, den man ändern konnte. Also hatte sie im Heimlichen trainiert, an Bällen, Säcken, Hanteln; alles, was ihr in die Finger gekommen war. Wie eine Irre hatte sie darauf eingeschlagen, bis ihre Knöchel geblutet hatten, aber sie hatte die Stärke schon bald gespürt, ein Gefühl wie ein Wirbelsturm, der sich in ihr zusammengebraut hatte.

Als sie in diesem Moment die Waffe auf sich gerichtet sah, wurde sie plötzlich ganz ruhig, ihre Sinne wurden ganz scharf. Sie sah jede Schweißperle auf der Stirn ihres Gegenübers, fühlte ihre Muskeln in Armen und Beinen sich aufpumpen. Sie hatte noch nie einen Menschen geschlagen, doch jetzt verlangte alles in ihr nach Blut.

So schnell, dass ihr Angreifer überhaupt nicht reagieren konnte, ließ sie sich zur Seite fallen und schlug mir ihrer Fußspitze nach seinem linken Knie. Er knallte auf den Boden, ein Schuss löste sich aus seiner Pistole, der jedoch in die Betonwand krachte. Seine Schmerzensschreie wurden stärker, nachdem Frankie sich auf ihn gesetzt und ihm hart mit der rechten Faust ins Gesicht geschlagen hatte; etwas knackte laut, vermutlich war sein Kiefer gebrochen. Mit dem Messer, das sie aus ihrem Stiefel zog, nagelte sie seine Hand, die den Revolver geführt hatte, am Parkettboden fest, dann erst gewährte sich Frankie eine kleine Verschnaufpause. Mit schreckgeweiteten Augen sah er sie an, nur noch ein Wimmern kam über seine aufgesprungenen Lippen, aus denen das Blut floss.

„Wo ist es? Wo hast du mein Geld versteckt?“ Sie rechnete nicht damit, dass er antwortete, aber mit einer unbeholfenen Bewegung deutete er mit dem Kopf auf seine rechte Jackentasche. Und tatsächlich, darin befand sich die Summe, die sie vereinbart hatten, und noch ein wenig mehr. Frankie nahm alles an sich und steckte es in ihre Hosentasche. „Ich betrachte den Rest als Trinkgeld, war nett, mit dir Geschäfte zu machen. Möchtest du jetzt gehen?“ Sein Nicken erinnerte sie an einen winselnden Hund, angewidert stieg sie von ihm herab und löste das Messer aus seiner Hand. Sofort drückte er diese gegen seine Brust und suchte so weit wie möglich Abstand von Frankie, die schon auf dem Weg zum Tor war, welches sie öffnete.

„Fahr. Nimm den Wagen und geh mir damit aus den Augen, bevor ich es mir anders überlege. Und solltest du noch einmal einen Fuß in meine Garage setzen, töte ich dich. Haben wir uns verstanden?“ Er nickte schnell, stieg in den Mustang, ließ den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen aus der Halle. Schade, dachte Frankie und putzte ihr Messer mit einem Tuch. Die schönen Ledersitze sahen bestimmt furchtbar aus mit Blutspritzern.

 

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